Stolpersteine Ulm
Stolpersteine Ulm

HERMANN DEIBLER
JG. 1886
AUFGENOMMEN 1931
HEILANSTALT STETTEN
´VERLEGT` 13.9.1940
GRAFENECK
ERMORDET 13.9.1940

Hermann Deibler

Hermann Deibler (Bildrechte Archiv-Museum Iveco-Magirus)

Hermann Deibler, geboren am 14. September 1886 in Ulm, war das jüngste Kind von Nikolaus und Ernestine Deibler [1]. Beide Eltern kamen aus Familien, die ihre Beschäftigung in Staatsdienst hatten – Polizei, Post oder Bahn. Hermann wuchs in Ulm auf und blieb zeitlebens eng mit seiner Familie verbunden, besonders mit seinen beiden Schwestern Anna und Mathilde. Mathilde heiratete nicht, war Angestellte bei der Post und teilte eine Wohnung mit ihrer Mutter und Herrmann in der Zeitblomstraße, auch nach dem Tod des Vaters 1910 [2]. Anna heiratete Paul Häbich (Sohn eines Feldwebels in der Artillerie) hatte vier Kinder und wohnte längere Zeit in Laupheim, war aber immer wieder zu Besuch in Ulm [3]. Von ihren Enkeln wird erzählt, wie Hermann, der ledig blieb, bei seinem letzten Besuch aus der Heilanstalt den Jüngsten von ihnen, noch ein Säugling, in den Armen getragen hat [4].

Schon früh hatten Krankheit und eine dadurch verursachte Entwicklungsstörung Hermanns Leben geprägt. Nachdem er schon mit 3 Jahren an einer durch einen Impfschaden verursachten Hirnhautentzündung litt, erkrankte er öfters z.B. an Keuchhusten. Begriffe wie ungeduldig oder jähzornig finden sich in den Arztberichten [5]. Doch diese Beschreibungen erzählen nur einen Teil seines Lebens.

Hermann besuchte zwischen 1893 und 1901 die Evangelische Knaben- Volksschule. In seinem Entlassungs-Schein stand, dass er durch Krankheit so weit zurückgehalten wurde, dass er den Unterricht nur von der Klasse I bis IV genießen konnte. Seine Note für Betragen war gut, die für seine angeeigneten Kenntnisse war aber ‚mangelhaft‘ bis ‚zu Genüge‘.

Jubiliar Hermann Deibler bei Fa.Magirus, 1. Mai 1926 (Bildrechte Archiv-Museum Iveco-Magirus)

Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen erlangte Hermann eine Beschäftigung als Maler und Anstreicher bei der Firma Magirus, die in einer großen Ulmer Fabrik Feuerwehr-Geräte herstellte. Über fast dreißig Jahre war Arbeit für ihn ein fester Bestandteil seines Lebens. Ein Foto zeigt ihn bei der Feier seines 25. Dienstjubiläums, bei dem er als Geschenk eine Taschenuhr erhielt [6]. Zeitzeugen beschrieben ihn als hilfsbereit, arbeitswillig und aufmerksam gegenüber anderen. Er zeigte Mitgefühl für andere, konnte sich in andere hineinversetzen, ging gerne spazieren und besuchte die Kirche.

Mitten in der Wirtschaftskrise 1929 -1932 wurde Hermann, wie viele andere Arbeiter, von Magirus entlassen; damit fielen seine Einkünfte weg. Es verschärfte sich die Situation aber für die ganze Familie, da 1931 der Mann seiner Schwester Anna starb [7], so dass Anna und ihre Kinder ohne dessen Einkünfte leben mussten. Nur die Schwester Mathilde hatte noch Arbeit, bei der sie aber öfters Dienstreisen machen musste. Hermanns 82-jährige Mutter war dann allein mit Hermann und fand es zunehmend schwierig mit seiner manchmal ungeduldigen und aufbrausenden Art zurecht zu kommen.

Im März 1931 starb Hermanns Mutter und danach fiel eine Entscheidung: am 1. Mai 1931 wurde er in die zur evangelischen Diakonie gehörende Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal eingewiesen. Er war in der 3. (untersten) Pflegeklasse und für die Verpflegungskosten kam das städtische Wohlfahrtsamt Ulm auf [8]. Mathilde musste die Wohnung in der Zeitblomstraße aufgeben [9] und es dauerte einige Zeit, bis eine kleinere Wohnung für Anna, ihre Kinder und Mathilde in einem Neubau in der Lützowstraße (heute Elisabethenstraße) gefunden werden konnte.

Bei der Einweisung wurde Hermann als körperlich vollständig gesund beschrieben. Er litt anfänglich unter starkem Heimweh und wollte mit dem Zug nach Hause reisen. Sein Zustand wurde als ein „Schwachsinn mittleren Grades“ beschrieben, mit einer um 90% herabgesetzten Erwerbsfähigkeit. Er war „in seinem Wesen drollig, meist freundlich“. Auch in der Heilanstalt arbeitete er weiter, in der Buchbinderei, in der Küche, bei Transportdiensten. Er half anderen beim Anziehen, war gegenüber Pflegern zuvorkommend und hielt engen Kontakt zu seinen Schwestern. Gleichzeitig litt er unter Heimweh und unter dem Gefühl, nicht mehr selbst über sein Leben bestimmen zu können. Er schrieb einmal: „Unter all den Verrückten wirst du ja selbst verrückt.“

Am 1. Februar 1935 wurde von einem Pfleger berichtet: „Zwischen Hermann und seinen Schwestern herrscht ein sehr herzliches Verhältnis. Er bekommt durchschnittlich alle 4 Wochen ein größeres Paket mit Wurst, Käse, Kuchen usw. Die Briefe sind immer voll sorgender Fragen nach seinem Ergehen. Urlaub bekommt Hermann jedes Jahr 10-14 Tage, den er bei seiner Schwester in Ulm zubringt. Heimweh ist nur selten zu bemerken, meistens dann, wenn ein Ereignis in der Familie sich jährt.“ An einer anderen Stelle schreibt der Pfleger: „Seine Wünsche, die meistens aufs Essen gerichtet sind, sucht er unbedingt durchzusetzen. Wird ihm ein Wunsch versagt, z.B. eine Vesperzulage oder ein Paket von zu Hause, so kann er tagelang schimpfen.“

In der zweiten Hälfte Juli 1940 verbrachte Hermann 11 Tage bei seinen Schwestern in der Lützowstraße in Ulm. Er berichtete seiner Familie von dunklen Bussen, die kamen, und von Anstaltsinsassen, die abgeholt wurden und nie zurückkehrten. Er verstand, dass Gefahr bestand. Es ist unklar, ob seine Familie wirklich gleich verstanden hat, welche Gefahr drohte und ob die Gerüchte über das Töten von Heilanstaltspatienten in Grafeneck sie erreicht hatten (die verstorbene Mutter hatte der katholischen Konfession angehört, wo das Entsetzen über die Gerüchte verbreitet war).

Einige Wochen später am 7. September schrieb Anna in offensichtlicher Panik an die Heilanstalt in Stetten: „Durch ein Schreiben wurde uns kurz mitgeteilt, dass unser lieber Bruder Hermann Deibler von Stetten wegkomme. Ich bin sehr in Sorge, …“ Am 10. September 1940 wurde sein Name tatsächlich auf eine Transportliste gesetzt, dann aber gestrichen. Die Leitung der Anstalt hat offensichtlich „mit großer Beharrlichkeit und Einsatzbereitschaft“ durch Verhandlungen versucht, Menschen vor der Ermordung in Grafeneck zu bewahren. Dabei hat offensichtlich auch Anna in Stetten angerufen und um Zeit für ein Telefonat mit dem Innenministerium in Stuttgart gebeten. Herrmanm wurde aber nur bis zum nächsten Transport von der Liste gestrichen. Das Telefonat mit Stuttgart hatte nichts erreicht. Am 13. September 1940 wurde Hermann Deibler dann doch von Stetten nach Grafeneck gebracht und noch am selben Tag dort gemeinsam mit 60 anderen Männern in einer entsprechend umfunktionierten Schuppen mit Gas ermordet.

Bei dem Telefonat war es Anna offensichtlich immer noch nicht klar, dass es tatsächlich um die geplante Ermordung Hermanns ging, und nicht um eine Verlegung in eine andere Heilanstalt. Noch am Ende des Monats schrieb ihre Schwester Mathilde (die am 10.9. verreist gewesen war), dass sie weiter um Auskunft über den Aufenthaltsort des Bruders gebeten, aber bislang keine Antwort bekommen haben. Einige Tage später erhielten die Schwestern dann Nachricht vom Tod ihres Bruders, angeblich am 28. September. Die offizielle Todesursache lautete „akute Lungenentzündung“. Hermann Deibler war aber Opfer des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten, eines systematischen Mordes an Menschen mit Behinderungen.

Seine Urne wurde nach Ulm geschickt und im Familiengrab beigesetzt. Am 18. Oktober schrieben die Schwestern an den früheren Stettener Pfleger Berner: „Heute morgen um 11 Uhr bei strahlender Herbstsonne haben wir die sterblichen Reste von unserem lieben armen Hermann zu Grabe getragen… Nun wollen wir Zurückgebliebenen Trost und Ruhe suchen und nicht mehr gegen das dunkle, unbegreifliche anrennen. Die Verantwortung fällt auf die Anderen: vielleicht müssen sie schwerer tragen, als wir nur ahnen.“

  1. Standesamtliche Familienblatt, Stadtarchiv Ulm
  2. Historische Adressbücher der Stadt Ulm, Stadtarchiv Ulm
  3. familysearch.org: Ergebnisse zu „Paul Haebich“
  4. Mail an Mark Tritsch vom 25.3.2026
  5. Archiv der Diakonie Stetten i. Remstal, HADS Sozialakte Deibler, Hermann
  6. Archiv-Museum Iveco-Magirus, Ulm
  7. Mail an Mark Tritsch vom 25.3.2026
  8. Archiv der Diakonie Stetten i. Remstal, HADS Sozialakte Deibler, Hermann
  9. Historische Adressbücher der Stadt Ulm, Stadtarchiv Ulm

Quellen

Diese Biographie basiert größtenteils auf Auskunft aus dem von Dr. Wolfgang Pflederer verfassten Familienbuch zum Leben von Hermann Deibler, einzusehen im Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg in Ulm

Autor*in(nen): Mark Tritsch