Stolpersteine Ulm
Stolpersteine Ulm

DAVID EIS
JG. 1886
DEPORTIERT 1945
THERESIENSTADT
BEFREIT

David Eis

David Eis wurde am 7. April 1886 als fünftes Kind einer jüdischen Familie in Bingen am Rhein geboren. Seine Eltern waren der Schuster und Friedhofsaufseher Adolph Eis und seine Ehefrau Judith geb. Marx. In Bingen lebte diese Familie seit wenigstens zwei Generationen, aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele von Ihnen in Großstädte wie Mainz, Frankfurt am Main oder sogar Chemnitz aus. David Eis machte eine Lehre in der Holzindustrie, wurde Fachmann für Schnittholz und ging dann nach Süddeutschland, wo er ab 1912 leitende Positionen in namhaften Holzfirmen hatte. 1916 kam er schließlich nach Ulm, wo er als Holzlagerverwalter tätig wurde. Wegen Ausbau der Kasernen während des 1. Weltkriegs gab es in Ulm zu der Zeit rege Bautätigkeit.

Nach dem Krieg blieb er in Ulm und heiratete am 2. Oktober 1920 die 3 Jahre jüngere und in Ulm geborene Berta Häfner, die nicht jüdisch, sondern evangelisch war. Konfessionsgemischte Ehen wurden zu der Zeit immer häufiger und viele Juden hofften, dass nach dem Krieg, in dem so viele ihrer Gemeindemitglieder für das Vaterland gekämpft hatten die Zeiten des Judenhass endlich vorbei seien. Ihre Tochter Margot kam am 10. Dezember 1921 auf die Welt. Die Familie bewohnte eine 4-Zimmer Parterre Wohnung direkt an der Straße in der Ulmer Neustadt, Adresse Bessererstraße 24/2. Das Gebäude steht noch heute.

Als David Eis sich Anfang 1923 dazu entschied eine selbständige Holzagentur zu gründen, war wohl ausreichend Platz für sein Büro in der Wohnung. Er arbeitete in Interessengemeinschaft mit einem jüdischen Kollegen in Köln und betrieb Ein- und Verkauf von Schnittholz auf Provisionsbasis. Er war häufig mit seinem Kraftrad unterwegs um seine Kunden im württembergischen und bayrischen Oberallgäu und im bayrischen Schwaben zu besuchen. Er war unter Kollegen als tüchtiger und fachkundiger Holzkaufmann bekannt. Sogar nach der Machtergreifung durch die NSDAP 1933 und bis 1937 scheint er im Geschäft weiter aktiv gewesen zu sein, obwohl sein Einkommen erheblich unter den Einflüssen der Nationalsozialistischen Einschränkungen gegen Juden litt. Es wird aber nicht von Auswanderungsplänen berichtet.

David Eis, Ausweisbild 1939 (Bildrechte DZOK)

Erst mit der Entfaltung der Wirkung der Nürnberger Gesetze von 1936 kam für ihn die Katastrophe. Anfang 1938 wurde ihm die Reiselegitimation entzogen und sein Führerschein eingezogen. Damit wurde es ihm auf einen Schlag unmöglich Geschäftsbeziehungen mit seinen Kunden aufrechtzuerhalten mit der Folge, dass er sein Geschäft stilllegen musste. Er war ohne Einkommen und wurde bald mittellos. Dies war auch die Zeit, in der auf viele nicht-jüdische Ehepartner in Mischehen großer Druck ausgeübt wurde, sich zu trennen und die Scheidung einzureichen. Solcher Druck galt insbesondere Müttern mit Kindern in der Schule. Margot, die Tochter, wurde auch evangelisch erzogen, ein Umstand, der die Druckmöglichkeiten vielleicht noch erweiterte. David Eis Ehefrau Berta gab aber unter diesem Druck nicht nach und blieb bei ihrem Mann.

Möglicherweise deswegen wurde er ein besonderes Ziel in der Reichspogromnacht. Er berichtete später (im Juni 1955): „In der bekannten Kristallnacht vom 9. auf 10. November 1938 wurde ich gegen 4 Uhr in der Frühe von einer Horde Nazis mit vorgehaltener Waffe aus dem Bett geholt und halb gekleidet nach dem Weinhof geführt, wo eine Menge zusammengezogener Nazis über mich herfiel und verprügelte. Blutbedeckt und von einem Schlage mit einem harten Gegenstand – vermutlich Schlagring – auf der rechten Brustseite verwundet, wurde ich zur Polizeiwache verbracht; von da aus in das Gefängnis und am übernächsten Tag mit vielen anderen Leidensgenossen nach Dachau verbracht, wo ich bis in die letzten Tage des Monats Dezember 1938 inhaftiert blieb. Durch die Brustverletzung – die mir zeitweise heute noch zu schaffen macht – war mein Leben im besagten Lager sehr gefährdet zumal es nicht möglich war, ärztliche Behandlung zu bekommen. Die rigorose Behandlung im fraglichen KZ Dachau (Schläge, stundenlanges Anstehen auf dem Appelplatz in strammer Haltung; leichte Kleidung bei mitunter 20 Grad Kälte) verursachten mir an Leib und Seele allergrößten Schaden; insbesondere wurden meine Nerven überaus zerrüttet; ferner Gliedererfrierungen an Händen und Füßen, an deren Folgen ich heute noch zu leiden habe. Zeitweise vermag ich nicht einmal einen Federhalter zu führen.“1

In Dachau wirkte sich die Tatsache, dass David Eis keine Auswanderung plante nachteilig für ihn aus. Einige Andere, die Auslandsvisa vorweisen konnten, wurden vorzeitig entlassen. Die Tatsache, dass er vor Jahresende entlassen wurde (am 30. Dezember) verdankte er wahrscheinlich seiner (im nationalsozialistischen Sprachgebrauch) „privilegierter“ Mischehe. Dieser Status bewirkte auch, dass er nicht gleich deportiert werden konnte. Er blieb mit seiner Familie in der Wohnung in der Bessererstraße während quälender Jahre der Verfolgung. Ab 1941 musste er, wie alle anderen verbliebenen Ulmer Juden, den gelben Stern tragen. Am Anfang lebte er von Gelegenheitsarbeiten, später und bis 1943 in einer besoldeten Stelle als Verwalter für die bald ausgelöschte jüdische Gemeinde. Danach fand er eine Stelle als Hilfsarbeiter an einem Ulmer Sägewerk der Firma Kaspar Gaiser & Söhne. In seinen freien Stunden widmete er sich noch den Erhalt des jüdischen Friedhofs.

Anfang Februar 1945 erhielt er eine „Aufforderung zum gemeinsamen Arbeitseinsatz der Juden“, die sich schnell als Deportation in das KZ Theresienstadt entpuppte. Dort kam er am 18. Februar nach 6-tägiger Reise unter den schlimmsten Bedingungen an. Eis kam deshalb nicht wie die meisten anderen Ulmer Juden, die in "privilegierter Mischehe" Lebten, in ein Arbeitslager im Harz, weil er schon 58 Jahre alt war.

Über die Zustände in Theresienstadt berichtete er wenig außer in Bezug auf die Mangelernährung. Aber ein Geschäftspartner, der ihn seit 1924 kannte und ihn nach der Entlassung traf, schrieb später: „Als ich nach Kriegsende Herrn Eis besuchte, fand ich einen an Leib und Geist gebrochenen Menschen vor“. Er hatte es überlebt, die elf Wochen bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 8. Mai 1945 und auch die Zeit danach, als er während einer Typhus-Epidemie dort bleiben musste bis er zurück nach Ulm durfte. Aber das war alles.

In der ausgebombten Stadt an der Donau teilte die Familie Eis das Schicksal vieler Deutscher, die vorerst obdachlos waren. Ihre Wohnung in der Bessererstraße seit 25 Jahren war eine Ruine, nur die Außenwände standen noch nach einem Bombenangriff während dem David Eis in Theresienstadt gewesen war. Ab Juli hatten sie dann eine Wohnung in der Eythstraße, wo sie bis 1957 blieben. Auch Margot, die eine Lehre als kaufmännische Angestellte gemacht hatte, lebte dort.

David Eis konnte aber jetzt keineswegs seine frühere Tätigkeit in der Holzbranche wieder aufnehmen. Nach dem Krieg war Deutschland in verschiedene Besatzungszonen aufgeteilt, mit sehr eingeschränkten Reisemöglichkeiten. Es war nicht möglich für ihn aus Ulm (in der amerikanischen Zone) mit seiner früheren Lieferantenkundschaft im württembergischen und bayrischen Allgäu (in der französischen Zone) Kontakt aufzunehmen. Es blieb ihm nichts anders übrig als das Angebot einer leitenden Position in der Geschäftsführung der Firma Molfenter aufzunehmen. Ein Versuch sich zwei Jahre später wieder selbständig zu machen scheiterte an dem inzwischen völlig verloren gegangenen Kundenstamm. Er wollte auf seine frühere Tätigkeit als Vermittler auf Provisionsbasis zurückgreifen aber von allen Seiten wurde ihm bestätigt, dass er gesundheitlich nicht mehr in der Lage war so zu arbeiten, wie er sich das wünschte.

Im Jahr 1957 konnte die Familie in eine bessere Wohnung im Traminerweg ziehen. Er lebte dort bis zu seinem Tod mit 76 Jahren am 23. Mai 1962. Berta starb am 9. März 1968. Margot, die nie geheiratet hatte, blieb in der Wohnung bis 1992, als sie nach Blaustein zog. Sie starb am 16. Februar 1996.

Quellen

1) Aus der Anlage zum Antrag an das Landesamt für Wiedergutmachung, 22. Juni 1955, Staatsarchiv Ludwigsburg EL 350 I, Bü 1428, S. 105.

Autor*in(nen): Mark Tritsch